Immer online
Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an folgendes Szenario: Wir schreiben die 70er Jahre und auf dem sogenannten “Telefontischchen” im Flur befindet sich mit dem orangefarbenden Wählscheibentelefon der Post das einzige Telekomminikationsmittel des Haushalts.
Das Theater begann mit dem Klingeln des Telefons, denn selten war man selbst der Adressat des Anrufs. Nein, die Eltern wollten gesprochen werden, also schrie man aus vollem Halse (meistens) nach dem Vater, so als ginge es um Leben oder Tod.
Telefonieren schien damals unglaublich teuer gewesen zu sein, denn ansonsten kann man sich den Affenzahn, mit dem der Vater mit hochroten Kopf angerannt kam, nicht erklären. Und natürlich auch die neben dem Telefon stehende Sanduhr mit der Aufschrift “Fasse dich kurz”.
Gut, das ist jetzt alles schon über 30 Jahre her. Mittlerweile ist das Telefonieren so gefühlt günstig wie noch nie zuvor, allerdings summieren sich die monatlichen Kosten analog der diversen Kommunikationskanäle, die man sich selber in die Welt gelegt hat: Festnetz, Handy, Internet, das alles will ja auch bezahlt werden. Und man bezahlt es gerne, denn man ist etwas, was man früher nicht war und eigentlich auch nie sein wollte: immer online.
Nun bin ich selbst kein nativer Internetnutzer und auch den Zugang zum Handy habe ich sehr spät für mich entdeckt. Doch sind die digitalen Kommunikationsmedien aus meinem Leben kaum noch wegzudenken, Fluch und Segen gleichermaßen, denn eigentlich hasse ich nichts mehr, als das ständige Herumgefummel an den elektronischen Devices, gerne auch mitten im Gespräch mit jemand anderem. Ich erinnere mich noch daran, als ich in den späten 90er Jahren sehr befremdet war, dass mein Gegenüber im Zug ständig Text ins Handy klimperte. Ich dachte, damit telefoniert man?!?
Diese Zeiten sind schon lange vorbei. Wer wissen will, welches Wetter man hat, schaut nicht mehr aus dem Fenster sondern ins Handy. Nachrichten erfährt man nicht mehr aus der Tageszeitung sondern aus dem Handy. Und beim Navigieren schaut man nicht mehr in den patentgefalteten Falkplan sondern, richtig, ins Handy!
Die mobile Kommunikation bestimmt unser Leben. Wir sind immer erreichbar und werden sofort nervös, wenn wir es einmal nicht sein sollten. So oder so erhält dadurch das Sozialleben eine ganz neue Dimension. Denn wer noch nicht bei Facebook ist, erhält keine Einladung zur Veranstaltung “Geburtstag”, weiss nicht, dass der Kevin sein Mittagessen “Yammi” findet oder dem Thomas Uschis Status “gefällt”. Aus diesen ganzen kleinen Handlungen setzt sich so etwas wie unsere Netzpersönlichkeit zusammen, die keineswegs “anonym” sein will, wie uns in den Anfangstagen das Internet suggerierte. Nein, wir wollen transparent sein, wir haben keine Geheimnisse sondern nur Wünsche, Vorlieben und Interessen, die wir teilen wollen.
Wie eingangs erwähnt, immer online zu sein ist für uns ein Segen, den wir uns auch einiges kosten lassen. Heute ist es nicht mehr mit der gemeinen Telefonrechnung am Ende des Monats getan, heute buchen die Telekommunikationsunternehmen auch noch die Flat für das Internet, die Handy-Flat (zzgl. mobiler Internet-Flat mit Drosselung ab 1 GB Datentransfer) sowie die UMTS-Datenflat für das iPad vom Konto ab.
Aber dafür kann man gegen mich im Multiplayermodus in jeder Lebenslage “Pong” spielen. Noch finde ich das gut. Noch.
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